Aus dem Leben einer Flugzeug Trolley stemmenden Kraftsportlerin

Mit der Zeit hat jeder von uns gelernt, sich nicht durch das Erscheinungsbild eines Menschen täuschen zu lassen.

Ich beginne bewusst mit diesem Satz.

Kurz zu meiner Person: Marisa, weiblich, 28 Jahre, Flugbegleiterin und „Eisenliebhaberin“.

Ein gutes Beispiel für die Zusammenkunft von Gegensätzen in einer Person werde ich wohl immer bleiben, denn wer mich in meinem Berufsalltag kennenlernt, wird mich nicht direkt in die Spate: ambitionierte Kraftsportlerin, schwitzend, zerzaustes Haar, hervortretende
Adern, konzentrierter und etwas verbissener Blick, mit Hornhaut an den Händen, stecken.

Mein berufliches Erscheinungsbild: Perfekt sitzender Dutt, roter Lippenstift, immer ein Lächeln auf den Lippen, perfekt lackierte Nägel, eine gebügelte Uniform, und 10 cm Absätze.

Das Bild, welches man im Duden neben dem Begriff „Flugbegleiterin“ finden könnte.
Ich liebe meinen Job. Die Tatsache, dass der Wecker auch mal morgens um 1 Uhr oder abends um 17 Uhr zum Nachtflug klingelt, ändert nichts daran.


Genauso wenig wie mein Beruf, meine Vorlieben in der Freizeit verändert hat. Privat bin ich ziemlich einfach
gestrickt. Jeans, Shirt und die Haare in zwei Sekunden zum Dutt hochgebunden. Etwas, dass in meinem Job wirklich praktisch während der Bereitschaft ist.

Meine beste Freundin würde an dieser Stelle direkt einwerfen, dass der letzte Satz gelogen ist, da ich meinen freien Tagen ganz nach dem Motto „Things I used to do in my activewear“ lebe. Denn bis zu meinem Training wird man mich in Sportbekleidung antreffen.

Noch nach frischer Wäsche duftend…

Doch bevor ich weiter auf die Planung und Gestaltung meiner Freizeitaktivitäten eingehe, möchte ich ein kurzes Bild über meinen Beruf als Flugbegleiterin vermitteln.
Wie viele andere gehört meine Berufsgruppe in den Bereich der Schichtarbeit. Das bedeutet: jeder Tag gestaltet sich für mich anders. Einen Rhythmus der über Wochen anhält, gibt es für mich nicht.
In meinem Dienstplan gibt es Tage, an denen ich geplante Flüge habe, Nächte außer Haus bin und im Hotel untergebracht werde, an denen ich Bereitschaft oder die ich frei habe.

Ganz nach dem Motto: „Jeder Tag ist ein Montag“.

Wie man schon erahnen kann, bedeutet dies keine Routine in meinem Trainingsplan bzw. in meinem Leben.

Ich sehe es als Herausforderung. Meine Kollegen fragen mich häufig, woher ich die Kraft und Motivation nehme, am Morgen vor einem Nachtflug mein Krafttraining zu absolvieren oder während des Sommerflugplans an meinen freien Tagen nicht einfach den ganzen Tag im Bett liegen zu bleiben.

Zu Beginn war das eine ziemlich gute Frage über die ich nachdenken musste…

Die Antwort ist jedoch ziemlich einfach: Ich bin mit ganzem Herz bei der Sache.

Okay, irgendwie ist das so ein 0-8-15-Satz. Aber er entspricht absolut der Wahrheit. Ich liebe meinen Job und ich liebe mein Training. Warum Dinge unnötig kompliziert machen.
Beides zu kombinieren, hat mich zu Beginn ziemlich viel Kraft, Planung und Durchhaltevermögen gekostet, ist jedoch mittlerweile kein Problem mehr. Denn ich habe meine eigene Struktur entwickelt und meinen Rhythmus im ständig wechselnden Alltag gefunden.

Mein Schlüssel liegt darin, immer halbwegs vorbereitet zu sein (ja genau: ‚halbwegs’… Man kann sein Leben nicht immer zu 100% planen). Das bedeutet für mich nicht nur, immer Essen im Kühlschrank zu haben, sondern neben meinem Bikini auch meine Sportschuhe, -bekleidung und Therabänder griffbereit neben dem Koffer liegen zu haben, wenn es spontan für mich heißt: 3 Tage Hotelaufenthalt.

Es stellt sich immer die Frage, wie sehr man etwas Bestimmtes möchte. Motivation und Anregungen findet man mittlerweile auf allen sozialen Netzwerken.

Die Kunst liegt nur darin, diese für sich selbst anzupassen und herauszufinden wie sich die eigenen Verpflichtungen und Freizeitaktivitäten vereinbaren lassen.

Für mich bedeutet es: Flexibel zu bleiben. Nicht jeder Tag verläuft nach Schema F. Stress, mache ich mir schon lange keinen mehr.

Alles benötigt seine Zeit. Und es geht trotzdem voran.

Ich hab über die Zeit hinweg herausgefunden, dass fast jedes Hotel über einen Fitnessraum verfügt. Mal besser mal schlechter ausgestattet. Oder es bestehen Kooperationen mit Fitnessstudios um die Ecke (dann lacht mein Herz, wie vor kurzem im Leipzig).

Oft stand ich aber auch schon ohne Möglichkeit Gewichte in die Hand zu nehmen da und bin einfach los gelaufen. Musik an, Welt aus. Laufen kann man ja zum Beispiel überall.

Man muss einfach etwas mit den Gegebenheiten anfangen können und auch eine gewisse Grundeinstellung gehört immer dazu.
Man muss es nur wollen.

Natürlich stecke auch ich mir Ziele.
Nur meißle ich diese nicht direkt auf Stein. Freue mich aber umso mehr, wenn ich sie erreiche.

Nicht immer auf geradem Wege. Oft fliege ich tausende Kilometer in eine Richtung um ganz woanders zu landen und weiter zu machen. Ich bin ein aktiver Mensch. Ich nenne mich auch gerne eine Powerfrau. Eigenmotivation. Das weiß ich.

Meine Familie und Freunde wissen, wie schwierig es ist mich ruhig zu stellen. Bei Krankheit muss ich wirklich von allen Seiten gebremst werden. Zu Beginn war das auch in meinem Training so. Wie in anderen Bereichen des Lebens geht es um Qualität und nicht immer um Quantität. Auch ich musste das herausfinden.

Heute mache ich mir Gedanken über mein bevorstehendes Training und gestalte es entsprechend meiner aktuellen Möglichkeiten. Und was soll ich sagen. Ich fliege etwa 1 ½ Jahren und habe gegenüber allen Vorhersagen unstrukturiert und motivationslos zu werden, keine 8 Kilo zugenommen und auch mein Training nicht vernachlässigt.

Lebenserfahrung. Und die Erkenntnis etwas ruhen lassen zu können und in einem anderen Moment mit neuer Kraft und Motivation wieder aufzunehmen.

Akzeptanz. So soll das auch bleiben.

Ich stoße unter Freunden und Kollegen auf Bewunderung. Anerkennung zu erfahren ist natürlich, auch wenn man alles was man tut in erster Linie für sich selbst tun sollte, immer wieder motivierend und hilft auch mir oft über Zweifel und kleine Durchhänger hinweg.

Ich bin gerne Motivation und Anlaufstelle für Menschen in meiner Umgebung und berichte gerne über meine persönlichen Wege. Wichtig an dieser Stelle ist nur immer wieder zu betonen, dass es viele Wege gibt. Dieser eine zu einem bestimmten Zeitpunkt aber mein Weg war, ist und sein wird und man erst durch eigene Testphasen und ständige Entwicklung, selbst weiterkommt. Nicht nur körperlich sondern auch im Geist. Und das in jeder Lebenslage.

Ich bin kein Profi, habe nichts in der Hinsicht studiert, bekomme kein Geld für meine Posts, sondern habe einfach Spaß an dem, was ich tue. Beruflich wie auch Privat. Ich bin stolz die Erkenntnis zu besitzen, dass mehr hinter meiner Fassade steckt und wahrscheinlich zaubert mir der Gedanke daran einen vollen Flugzeug-Trolley anheben zu können, jeden Tag diesen Glanz in die Augen und das Lächeln auf die roten Lippen

(oder einfach die Tatsache, dass meine Beine und mein Po in der Uniform durch die hohen Schuhe noch mehr zur Geltung kommen 😉 )…

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