Vom Fitnesswahn zur Muskelmieze

Es folgt die persönliche Geschichte von Priska Peuschel // Instagram: miss_pi_berlin

„Du musst auf die Kalorien achten! Du musst das essen abwiegen! Du musst dich jeden Tag auf die Waage stellen! Und verdammt nochmal lebe bitte nur noch für den Sport!“

So in etwa lief es zum schlimmsten Zeitpunkt in meiner Sportphase ab.

Dabei fing doch alles so harmlos an…

Eine junge Frau, die einfach mal Sport machen wollte, abspecken wollte – unterschieden habe ich mich da nicht von den anderen Frauen.

Ich rannte motiviert jeden Tag zum Sport und machte schön fleißig bis zu zwei Stunden Cardiotraining.

Der Anfang war gemacht und ich verlor auch die ersten Pfunde.

Doch leider sah das alles nicht ganz so toll aus, wie ich es mir gedacht hatte.

Mein Po fing an zu hängen und meine Beine wurden zwar dünner aber dafür umso wabbeliger- ja sie ähnelten Wackelpudding.

Also wurde mir bewusst, dass Kilos verlieren einfach ist aber eine Figur bekommen nur mit Metall in meiner Hand geht.

Training machte mir plötzlich Spaß und die Angst vor den freien Gewichten verlor ich von Tag zu Tag.

Natürlich dachte ich zu Beginn auch, dass eine Frau da nichts zu suchen hat und man sich dort eh nur unwohl fühlt.

Aber als ich öfter da war merkte ich, dass ich erstens nicht die einzige Frau in der Freihantelecke bin und alle, die dort trainierten Ziele vor Augen hatten.

Genau dort gehörte ich hin.

Doch Training alleine reicht nicht und schon bald entwickelte sich bei mir ein Wahn.

Ich wollte aussehen, wie die ganzen Fitnessmodels, die ich auf Instagram abonniert hatte.

Ich verglich mich und wollte auch, dass man meine Muskeln in jeder Perspektive sieht und ich am Strand im knappen Bikini mindestens genauso gut aussehe, wie die tausendfach gelikten Bilder meiner Fitnessidole.

Und so fing es an, dass ich einen Ernährungsplan und strengen Trainingsplan einhielt.

Ich wog mein Essen ab. Es gab keine Ausnahmen außer der eine Cheatday in der Woche.

Außerhalb treffen mit Freunden, war nur möglich, wenn es nach meinem Training passierte oder ich danach noch zum Training konnte.

Zum Essen gehen wurden nur noch Lokalitäten rausgesucht, wo man sich „healthy“ ernähren konnte und alles wurde penibel überwacht.

Ich glaub, ich muss nicht erwähnen, dass Kohlenhydrate irgendwann komplett wegfielen und die größten Feinde waren.

Es ging so weit, dass ich von meinen anfänglich 85kg auf sogar 57kg runter war.

Ich schaffte das, was ich immer wollte. Auch ich konnte endlich die tollen Vorher-Nachher Bilder online stellen und allen zeigen, dass „Die Dicke“  es ja doch geschafft hat.

Aber warte…es fehlte was… Ich war nicht mehr glücklich.

Ich schaute mich im Spiegel an und meckerte immer mehr an mir rum.

Freunde sagten auf einmal so Sätze zu mir wie „Du siehst nicht mehr aus wie Du.“ – oder „Deine ganze Figur, die dich ausgemacht hat, dein Hintern, alles ist weg.“– oder „Du siehst krank aus.“

Und verdammt, sie hatten recht.

Ich hatte keine Brust mehr, meine Rippen waren zu sehen und mein Hintern…welcher Hintern?

Ihr könnt mir glauben, den hatte ich immer und er war mein Markenzeichen.

Auf einmal hatte ich mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen.

Ich versuchte mir eine Brust zu schummeln, war beim Schönheitschirurgen zur Beratung für eine Brust-Op, zog nur noch Hosen an, wo man ansatzweise einen Hintern vermuten konnte und meine heißgeliebten Haare brachen von Hinternlänge auf Kinnlänge ab.

So „Healthy“ war mein Werdegang dann wohl doch nicht.

Und plötzlich merkte ich, wie ich von allem eine Pause brauchte.

Ich wendete mich von der Fitnesswelt komplett ab.

Ich habe fast 2 Jahre gebraucht, um wieder zurückzukehren, um all das was ich erlebt habe, erst einmal zu verarbeiten und schlauer aus der Sache raus zu gehen.

Ich ging weiterhin zum Sport, aß aber worauf ich Lust hatte, trank gerne mal wieder ein Weinchen mit Freunden, war lieber bis Nachts unterwegs, statt ein Studio zu suchen.

Innerlich erwischte ich mich oft, wie ich meine Kalorien überdachte oder in den Spiegel sah und mich verglich.

Aber das Abwenden hatte einen Vorteil: Mein Hintern kam zurück und den Termin für die Brust-Op sagte ich auch ab.

Bei einem entspannten Nachmittag mit Freunden auf der Couch durchstöberten wir alte Bilder und ich sah mich in meiner „Blüte-Fitness-Zeit“ und realisierte das erste Mal, wie schlank ich da war und wie wenig ich das zu diesem Zeitpunkt gesehen habe.

Der Spruch „Ich wäre gerne wieder so schlank, wie damals als ich dachte ich wäre fett“ passte auf einmal wie die Faust aufs Auge und meine ganze ungesunde alte Einstellung wurde mir bewusst.

Ich bin eine Frau und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wendete mich ab und mir war egal ob ich dick oder dünn bin.

Aber meine Einstellungen zu mir selbst änderte sich.

Ich realisierte, dass ich eine Frau mit Kurven bin, das diese Kurven mich ausmachen, das die auch unfassbar schön sind und realisierte, dass ich auch mit mehr auf den Rippen immer noch super sportlich und verdammt gut aussehen kann. Selbst in  knappen Bikinis am Strand.

Und ich wollte den Frauen endlich eins mit auf den Weg geben – so wie ihr seid, seid ihr in allen Formen perfekt.

Wir Frauen neigen dazu, uns immer wieder zu kritisieren, uns zu vergleichen, etwas sein zu wollen, was wir genetisch vielleicht gar nicht sein können.

Wir jagen Idolen oder Likes hinterher. Wir wollen alle so aussehen, wie die perfekten Models auf den Plakaten oder auf Instagram in ihrem perfekten Photoshoplicht.

Wir gehen dabei sogar bis an unsere körperlichen Grenzen und verlieren uns komplett.

Wir hören nicht zu, wenn uns jemand sagt, du bist perfekt so wie du bist und hinterfragen auch nie, ob wir jemals perfekt sein können.

Versteht mich nicht falsch, ich ziehe meinen Hut vor jedem Fitnessmodel und ihrer Disziplin.

Ich habe die größte Achtung davor, aber für eine normale Frau mit normalen alltäglichen Problemen in unserer höchst kritischen Gesellschaft, wo jedes Gramm zu viel als Makel angesehen wird, ist diese perfekte Welt schnell eine Gefahr.

Mir sagte mein Körper auf jeden Fall mehr als deutlich, dass jetzt genug ist…

Dieses Jahr war mein Jahr um wieder zurückzukehren, Sport wieder als Spaß, Gewichte stemmen und mich steigern, als Herausforderung anzusehen und mein Essen gesünder zu gestalten.

Aber ohne schlechtes Gewissen zu sündigen.  

Denn ich habe gelernt, dass Sport in erster Linie Spaß machen soll, dass ich andere motivieren kann, sich zu akzeptieren wie man ist, dass Ziele haben gut ist aber unter Druck setzen einen einfach kaputt machen kann und dass das Leben nicht zu kurz kommen sollte.

Essen, besonders Kohlenhydrate sind kein Feind mehr, sondern passen auf einmal sehr gut in meinen Lebensstil.

Und nervt mich das Fitnesstraining mal, na dann gehe ich einfach zum Schwimmen oder zum Volleyball.

Die Zahl auf der Waage interessiert mich schon lange nicht mehr.

Stattdessen interessiert mich jeder kleine Muskelkater, meine Gesundheit und meine Fotos, mit denen ich dokumentiere, wie sich meine Kurven machen.

Und wenn ich mal einen schlechten Tag habe – und ich wäre keine Frau, wenn ich den nicht auch hätte – schaue ich mir alte Bilder an und hole mir so ins Gedächtnis zurück, was ich schon alles erreicht habe.

Und wenn das nicht hilft, naja dann gibt es doch das liebe Instagram, wo ich jammern kann und ihr Frauen mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt und mich motiviert weiter zu machen.

Ob ich den restlichen Menschen zu dick, zu unmuskulös, zu kurvig oder was auch immer bin, interessiert mich nicht mehr.

Denn Menschen, die einem sagen, wie man auszusehen hat oder dich in Schubladen stecken, brauchen wir doch eh nicht in unserer Gegenwart.

Ich gehe wieder gerne zum Sport, dank der Pause, dank der Auszeit für mich.

Ich bin eine richtig selbstbewusste Muskelmieze geworden mit unfassbar viel Freude an Fitness.

Und ich möchte allen Frauen mit auf den Weg geben – macht Sport für euch, macht es mit Leidenschaft aber vor allem macht es mit Freude daran und verliert EUCH niemals aus den Augen.

Denn ihr seid vielseitig, unverwechselbar, verschieden und vor allem eins: EINZIGARTIG.

Geschrieben von: Priska Peuschel // Instagram: miss_pi_berlin